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1. Bestandsaufnahme
Integrierte Schädlingsbekämpfung
produzieren, die dann gegen einen gnadenlosen Konkurrenzdruck mit allen Mitteln rentabel
gemacht werden müssen.
Einmal abgesehen von den übrigen ökologischen Problemen ist die Taktik der
Umsatzmaximierung, was Pestizide angeht, aufgrund der drohenden Resistenzgefahr ausgesprochen
gefährlich. Kurzsichtiges Verschleudern von Wirkstoffen beschleunigt Resistenzentwicklung.
Außerdem belastet es die Hersteller übermäßig, da neue Stoffe immer schneller unbrauchbar
werden. Die hohen Entwicklungskosten für neue Wirkstoffe werden bei jeder sich bietenden
Gelegenheit beklagt. Sofern die entsprechende Forschung aus öffentlichen Mitteln gefördert wird,
wird die öffentliche Hand mit belastet. Außerdem wird es angeblich immer schwerer, neue Stoffe
zu finden.
Kurzfristig profitträchtige Forschung wird auf Kosten allgemein interessierender Fragen (R
OGERS
&
S
HOEMAKER
1971) einseitig gefördert. Minimalriskante Methoden, wie das Abdichten von
Eintrittspforten, bleiben auf der Strecke, sobald sie etwas anderes als verkaufbare Materialien sind,
weil scheinbar nichts daran zu verdienen ist.
Das Abdichten von Eintrittspforten führt allerdings dazu, das langfristig weniger Material gebraucht wird.
Hartnäckiges (, systematisches?) Verschweigen unvorteilhafter Eigenschaften von Produkten durch
die Industrie über lange Zeiträume bis heute, chronisches Desinteresse an der Aufklärung von
Problemen in Zusammenhang mit den Produkten hat als Gegenreaktion hartnäckiges Mißtrauen
vieler Verbraucher geweckt, die regelrecht als eine Art "soziale Allergie" bezeichnet werden kann.
Eine starke Polarität ist die Folge: Industrievertreter neigen dazu, die Welt in Freunde
(=Pestizidbefürworter) und Feinde (= Pestizidgegner) einzuteilen. Alles Dazwischenliegende wird
mit großem Argwohn der gegnerischen Seite zugerechnet. Die Situation ist ein Spiegelbild
derjenigen bei den Umweltschützern.
1.2.7. Werbung
Deutsche Pestizidwerbung ist im Vergleich zur amerikanischen sehr suggestiv und wenig
informativ. Offensichtlich erwarten die Pestizid-Hersteller nicht, daß die deutschen
Schädlingsbekämpfer eine qualifizierte Auswahl unter den angebotenen Produkten treffen. Dies
wurde mir von Hersteller-Seite bestätigt. Wo die Zielgruppen über Pestizide nur minimale
Kenntnisse haben, kann sie auch nicht vergleichen. Deshalb kann auch nicht mit Informationen
geworben werden. Der Mangel wird durch teure Aufmachung und Konzentration auf emotionale
alternativ-Reize der Werbematerialien kompensiert.
Dabei wird übersehen, daß die unsachgemäße Pestizidanwendung die Lebenserwartung der Wirkstoffe verkürzt, indem
sie die Resistenz fördert.
Abgesehen davon ist die vorherrschende Überzeugung, daß man mit Werbung alles erreichen könne, langfristig
gesehen möglicherweise ein fataler Fehlschluß. Vermutlich gibt es keine Untersuchungen über die Langzeitwirkung
von Werbung, die über die Dauer von 3-4 Jahren hinausgehen (G
EMÜNDEN
1991, mündl. Mitt.).
Fortgesetzter, leichtfertiger Mißbrauch menschlicher Gefühle für kommerzielle Zwecke ist ein Spiel mit dem Feuer. Es
ist nicht auszuschließen, daß das abgrundtiefe Mißtrauen gegenüber der gesamten Industrie mit dadurch verursacht
worden ist.