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1. Bestandsaufnahme
Integrierte Schädlingsbekämpfung
Die Vernetzung zwischen Forschung und Anwendung ist fragmentarisch, lokal eng begrenzt, von
Vorgesetzten nicht gern gesehen. Wo es sie dennoch gibt, trägt sie sofort reiche Früchte. Beispiele
dafür sind die Betriebsinspektionen und Wiederauffrischungskurse für Schädlingsbekämpfer des
10th Medical Laboratory in Landstuhl und der Fachbeirat der DDR. Der Fachbeirat der DDR
wurde inzwischen aufgelöst.
Was kann das Wissen von "irgendwelchen hochgebildeten Fremden" bewirken, die Einen noch
nicht mal für voll nehmen, wenn dem selbstgemachte oder überlieferte Erfahrungen
entgegenstehen, auch wenn die nicht bewiesen werden können?
1.2.10. Gesetzgeber
Die Rechtssituation im Bereich der Schädlingsbekämpfung ist äußerst unübersichtlich und löcherig.
Es gibt kein Bundesgesetz für die Schädlingsbekämpfung, wie beispielsweise in den USA oder in
der ehemaligen DDR. Stattdessen gibt es Myriaden von Einzelvorschriften, die alle anwendbar
sind und sich ständig ändern. Eine umfassende inhaltliche Auseinandersetzung mit den praktischen
Problemen die die juristischen Voraussetzungen für die Schädlingsbekämpfung mit sich bringen,
könnte diesen Bericht füllen, ohne, daß eine Verfehlung des eigentlichen Themas auffiele. Das soll
aber hier bewußt nicht geschehen. Einige wahllos herausgegriffene Einzelbeispiele müssen hier
ausreichen.
Die neue Schädlingsbekämpfungsverordnung der DDR, nach der zur Bekämpfung von Stallfliegen nur dann Pestizide
verwendet werden durften, wenn die staatlich verordnete, biologische Methode nicht wirksam war, galt genau acht
Monate bis zur Öffnung der Grenze (Gesetzblatt der DDR, 2. Februar 1990; Arbeitsverfahren Nr. X zur Verhütung
und Bekämpfung eines Befalls mit synathropen fliegen in Anlagen der Tierproduktion).
Die deutsche Gesetzgebung bietet eine Fülle von Anschauungsmaterial für das Studium von willkürlichen Grenzen
(s.u.). Eine der willkürlichsten Grenzen besteht zwischen dem Pflanzenschutz und allen übrigen Bereichen der
Schädlingskunde. Mit Hilfe einer juristischen Spitzfindigkeit wurde der Vorratsschutz in das Pflanzenschutzgesetz, das
ja nur für Kulturpflanzen gilt, mit einbezogen ("... Teile von Pflanzen, aus denen Pflanzen erzeugt werden können ...").
Genaugenommen endet die Macht dieses Gesetzes im Mahlprozess, da aus Haferflocken nicht mehr keimen, wenn man
sie aussät. Im Haus gilt das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz, aber nur bis zur Innenseite der Garagentür.
An der Außenseite muß bereits wieder das Pflanzenschutzgesetz eingehalten werden. Von der Konkurrenz der
zuständigen Behörden gegeneinander profitieren die Schädlinge, die sich nur an ihre arteigenen natürlichen Grenzen
halten.
Ein starkes Übergewicht derer, die an Pestiziden verdienen, macht sich daran bemerkbar, daß auf europäischer Ebene
ausschließlich der Handel geregelt wird. Der verantwortungsvolle Umgang mit den Giften blieb bisher völlig
unberücksichtigt.
Auch bei der Ausbildung der Schädlingsbekämpfer nehmen die Gesetze einen breiten Raum ein. Diese Zeit geht den
fachlichen Inhalten verloren. Dennoch steht jeder Anwender von herkömmlichen Methoden der
Schädlingsbekämpfung bei jedem Einsatz von Giften mit einem Bein im Gefängnis. Die schwebende EG-
Gesetzgebung vergrößert diesen Wirrwarr noch.
Einige der per Gesetz verordneten Maßnahmen stammen aus einem anderen Zeitalter und wären einem übervölkerten
Tropenland angemessen - immerhin haben wir nicht mal mehr Malaria. Mangels Alternativen stehen sie - Monolithen
gleich - unverrückbar in der Gesetzeslandschaft. Beispielsweise das sogenannte Tilgungsprinzip aus dem
Bundesseuchengesetz, das die Schädlingsbekämpfung in Deutschland weitgehend bestimmt, impliziert den
gefährlichen Fehlschluß, daß mit der korrekten Anwendung der Mittel von der Liste der Bekämpfungserfolg garantiert
sei. Sofern aber nicht gleichzeitig die Einwanderungswege und ökologischen Nischen verändert werden, wird mit
diesem Begriff nur eine trügerische Sicherheit verbreitet. In der Praxis werden nach dem Tilgungsprinzip an
unzähligen Orten regelmäßig Schädlinge "geerntet". Die Dekonamination der verwendeten Bekämpfungsmittel ist bei