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Integrierte Schädlingsbekämpfung 3. Stufenplan für die Umsetzung
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Schutzkleidung und Pestiziden wesentliche Angaben verschwiegen haben. Außerdem ist die
Schutzkleidung, die wirklich dicht wäre, wegen der absoluten Feuchtigkeitsundurchlässigkeit als reguläre
Arbeitskleidung selbst für kurze Zeit unzumutbar.
- Größte Probleme bereitet zahlreichen Praktikern weiterhin das Ausrechnen der benötigten Aufwandmenge
und Ansetzen der richtigen Konzentration, sowie die richtige Ausbringung von Pestiziden (Zustand der
Geräte, Düsen und Ventile, sowie Verwendung, Wartung und Pflege unter Praxisbedingungen im Alltag).
- Zustand und Wartung der Arbeitsgeräte sind in vielen Fällen völlig unzulänglich und nicht sachgemäß.
- Aufgrund der im Arbeitsalltag beobachteten Defizite kann eine korrekte Pestizidausbringung nur in
Ausnahmefällen erwartet werden.
- In Verbindung mit diesen Mißständen legt ein hoher Krankenstand unter den angestellten
Schädlingsbekämpfern den Verdacht chronischer Kontaminationsprobleme nahe. Untersuchungen darüber
fehlen völlig.
- Mit der Dekontamination nach Bekämpfungsende sind die Praktiker i.d.R. endgültig überfordert.
- Rasche Resistenzentwicklung ist die natürliche Folge dauerhafter Pestizidanwendung. Anstatt die
Gesamtstrategie zu revidieren, besteht die Tendenz, die Wirkstoffkonzentration und die
Anwendungshäufigkeit zu erhöhen, wenn die Giftwirkung nachläßt.
- Die verständliche Angst vieler Schädlingsbekämpfer, irgendwann ohne Gift dazustehen, führt
erfahrungsgemäß leicht zum Horten von Giften. Demzufolge muß angenommen werden, daß viele der in
großen Mengen gelagerten Pestizide veraltet und / oder überaltert sind. Oft haben sie Lagerschäden, da die
korrekte Lagerhaltung von Pestiziden mit einem Aufwand verbunden ist, den nur die allerwenigsten
Schädlingsbekämpfer freiwillig bereit sind, zu leisten.
- Minimale Unsicherheiten über die Wirksamkeit einer Bekämpfung führen als Folge von Panik leicht zu
Überdosierungen bei Nachbehandlungen.
- Verträge zur Schädlingsbekämpfung weisen oft schwere Mängel auf; methodische Einzelheiten fehlen.
Diese Erkenntnisse sind Ergebnis meiner langjährigen Beobachtungen als Entomologin im Dienste der amerikanischen
Streitkräfte in Verbindung mit zahlreichen Gesprächen mit gewerblichen Schädlingsbekämpfern.
Die Arbeitsmethoden gewerblicher deutscher Schädlingsbekämpfer als Vertragspartner der US-Streitkräfte
unterscheiden sich nach glaubhaften Augenzeugenberichten bis heute nicht von den in der obigen Begründung
beschriebenen, obwohl diese Arbeiten schon seit Jahren nur noch von geprüften Schädlingsbekämpfern durchgeführt
werden dürfen (C
ANNON
1995, mündl. Mitt.). Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß als Vertragspartner der
US-Streitkräfte in der alltäglichen Praxis trotz mehrjähriger anderslautender Dienstanweisungen fast immer noch der
kostengünstigste Bieter den Auftrag bekommt.
3.3.1. Gesamtstrategie zur Verbesserung der Schädlingsbekämpfung:
Dieser Abschnitt richtet sich wiederum an den Gesetzgeber,
außerdem an die Schädlingsbekämpfer und die Universitäten.
Das A und O der integrierten Schädlingsabwehr ist, wie eingangs bereits gesagt wurde,
Information. Dafür müssen ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Zu Beginn einen jeder Schädlingsbekämpfung müssen der Befall und die Wahrscheinlichkeit des
Wiederbefalls und ggf. Ansteckungsgefahr (bei krankheitsübertragenden Schädlingen) in
Verbindung mit der Umwelt- und Gesundheitsrelevanz möglicher Abwehrmethoden qualitativ und
quantitativ erfaßt werden. Schadensschwellen und Bekämpfungsziele müssen abgesprochen und
festgelegt werden. Vier verschiedene grundsätzliche Problemstellungen sind klar zu differenzieren
und müssen auch unterschiedlich gehandhabt werden:
- Kurzfristige symptomatische Linderung ist meist das erste, das es zu schaffen gilt. Obwohl der
Arbeitsschwerpunkt theoretisch bei den vorbeugenden Maßnahmen liegen soll, kommt es im