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3. Stufenplan für die Umsetzung Integrierte Schädlingsbekämpfung
- Pestizide dürfen nur genau dort ausgebracht werden, wo auch Schädlinge nachgewiesen wurden. Ggf. muß die
Zielgenauigkeit durch Vorködern o.ä. gesichert werden. Vorbeugende Pestizideinsätze, die wohl nach wie vor
weit verbreitet sind, sind als glatte Fehlanwendungen anzusehen und nicht zulässig. Falls eine vorbeugende
Behandlung dennoch für notwendig erachtet wird, bedarf sie der schriftlichen Sondergenehmigung durch den
zuständigen Entomologen, und darf nur ausnahmsweise erteilt werden.
- Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse werden folgende risikominimierende Eigenschaften von Pestiziden als
Auswahlkriterien vorgeschlagen:
- eine spezifische Wirkung
- Möglichkeit der Schlupfwinkelbehandlung oder kurze Wirkungsdauer
- geringe akute Giftigkeit des Wirkstoffs und der Abbauprodukte
- geringe Lipophilie, Löslichkeit, Repellenz und geringer Dampfdruck des Wirkstoffs
- Die Giftigkeit der Endkonzentration muß beachtet werden. Sie kann in Verbindung mit Emulgatoren oder als
Verdünnung stark von der des Wirkstoffs abweichen und ist für den Gebrauch im Alltag maßgeblich.
- Vorschläge für minimalriskante Wirkstoffe und Zubereitungen gegen Gliedertiere:
- artspezifische Köder als Blocks in Dosen, nur für Insekten erreichbar fest eingeschweißt, mit nicht
repellierendem Wirkstoff, z.B. Hydramethylnon, Methopren oder Borsäure;
- Schlupfwinkelbehandlung mit Silicagel an trockenen Orten; Borsäure, Wachstumsregler oder ein nicht
repellierendes Mikrokapselpräparat an feuchtigkeitsgefährdeten Orten;
- BtI nach umfassender Befallsermittlung gegen frisch geschlüpfte Mückenlarven in begründeten Ausnahmen,
sofern die Umwelttoleranz günstig bewertet werden kann.
- Vorschläge für minimalriskante Mittel zur kurzfristigen symptomatischen Linderung (nur in Verbindung mit
dauerhaften Abwehrmaßnahmen):
- gegen Insekten: Pyrethrum oder ein anderes
kurz
wirksames Pyrethroid ohne dauerwirksamen Synergist als
Konzentrat für ULV-Vernebelung bei Massenbefall von Insekten;
- gegen Nagetiere: Antikoagulantien und weitere Wirkungsmechanismen, z.B. Wachstumsregler.
- Wegen der Gefahr der Resistenz müssen möglichst viele Wirkungs
mechanismen
(nicht Wirkstoffe!) zur Auswahl
stehen. Das muß auch bei der Auswahl minimalriskanter Wirkstoffe beachtet werden.
- Die Verwendung translokierender Wirkstoffe (= Wirkstoffe, die sich vom Ort der Anwendung entfernen) muß auf
begründete Ausnahmen beschränkt werden. Als Beispiele für Eigenschaften, die die Translokation begünstigen,
sind zu nennen: Gas oder Flüssigkeit bei Raumtemperatur, hoher Dampfdruck, Lipophilie, gute Löslichkeit in
Wasser und / oder Fett.
- Kombipräparate sind grundsätzlich abzulehnen. Ein einzelner Wirkstoff ist für fast alle Anwender schon schwer
genug zu verstehen. Dazu kommt das kaum überschaubare Kombinationsrisiko. Fast alle Stoffe sind verschieden
lange haltbar. Gleichzeitiger Einsatz verschiedener Wirkungsmechanismen schmälert unnötig die Möglichkeiten
zur resistenzminimierenden Abwechslung unter den Wirkungsmechanismen. Falls ausnahmsweise dennoch
mehrere Wirkungen erwünscht sind, dann selten am selben Ort. Dem Anwender ist dann zuzumuten, mehrere
Anwendungen vorzunehmen.
- Auf emulgierbare Konzentrate (EC) ist nach Möglichkeit zu verzichten, da sie von porösen Unterlagen, wie
Beton, Gips, Putz, Kunststoff, Textilien, Holz, Tapete und unglasierten Fliesen aufgesaugt werden und diese
Materialien durchdringen können. Das führt dazu, daß an der von Schädlingen belaufenen Oberfläche die
Wirkstoffkonzentration schnell nachläßt. Außerdem treten die Wirkstoffe lange Zeit in subletaler Konzentration
aus den Materialien aus.
- Als wenig riskante Formulierungen und Anwendungsformen werden z.B. Köder vorgeschlagen, zur
überwiegenden Schlupwinkelbehandlung außerdem Mikrokapseln und wasseraufschwemmbare Pulver. Stäube
und Aerosolsprays wwerden nur zur Schlupfwinkelbehandlung empfohlen.
- Portionspackungen und portionierbare Verpackungen helfen weiterhin, die Risiken für den Anwender beim
Umgang mit Konzentraten durch Verschütten, Rechen-, und Mischungsfehler, sowie Transportgefahren gering zu
halten. Großpackungen sind zu vermeiden.
- Um die Umsetzung von Verbesserungen zu ermöglichen, müssen gleichzeitig mit den Vorschlägen die
entsprechenden Methoden verfügbar gemacht werden. Die selektive Aufhebung von Importhemmnissen für
Produkte, die eindeutig der Umwelt- und Resourcenschonung dienen, wird dringend empfohlen, sofern diese nicht
in Europa hergestellt werden können.
Das betrifft zur Zeit beispielsweise die speziellen Präparate und
Ausbringungsgeräte für die Schlupfwinkelbehandlung.
- In begründeten Ausnahmen kann der zuständige Fachentomologe in Form von Rezepten befristete
Sondergenehmigungen für andere Wirkstoffe und/oder Formulierungen als die oben angegebenen erteilen. Die
Fachentomologen sind gehalten, sich über alle Ausnahmeanträge vor Ort zu informieren und sie genau zu prüfen.
- Die Giftvorräte der Schädlingsbekämpfer müssen "entrümpelt" werden. Bei größeren Mengen kann eine
Wirksamkeitsprüfung über Weiterverwendung oder Entsorgung entscheiden, um die zu entsorgenden Mengen
nicht unnötig groß werden zu lassen.
- Pestizide dürfen nur in den Mengen vorrätig gehalten werden, die auch wirklich gebraucht werden (z.B. 90 Tage
als Regel). Lagerungssicherheit Risikominimierung (Brand-, Explosions-, Kontaminationsrisiko), Überlagerung