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E. Scholl (1995):Erarbeitung von Richtlinien für die integrierte Schädlingsbekämpfung 77
5. Pestizide
5.1. Allgemeines; pro & contra
Pestizide (von engl. Pest: Schädling und lat. cedere: töten), bestehen aus Gift, in der Fachsprache
Wirkstoff genannt, und meistens mehreren Zusätzen, die beim Töten helfen sollen. Daraus werden
Formulierungen, die als Produkte verpackt werden. Meist sind zur Ausbringung außerdem noch
Geräte notwendig.
Jeder chemische Wirkstoff ist anders; hat physikalische und chemische Eigenschaften, die ihn
ähnlich wie andere sein lassen - oder verschieden davon.
Das ist durchaus vergleichbar mit den Menschen:
alle sind einander ähnlich und teilweise auch verwandt. Dennoch ist jeder Mensch anders.
Chemisch reine Wirkstoffe herzustellen, ist sehr teuer. Meist enthalten die Pestizide sogenannte
"technisch reine" Wirkstoffe, weil der Kunde einen höheren Reinheitsgrad nicht bezahlen würde.
Technisch reine Stoffe dürfen bis zu 5% Verunreinigungen durch andere Chemikalien enthalten, die
nicht näher definiert werden brauchen. Sie gelangen naturgemäß bei der Pestizidausbringung
immer mit in die Umwelt.
Von vielen Wirkstoffen gibt es Isomere (= spiegelgleiche Molekülstrukturen u.ä.). Isomere werden
mit griechischen Buchstaben benannt. Z.B. bei Lindan ist es nur das Gamma-Isomer, das insektizid
wirkt (= eins von fünf). Alle anderen, die bei der Herstellung mit gleicher Wahrscheinlichkeit
entstehen, sind von vorneherein - eigentlich Sondermüll. Da die "Herauslösung" des wirksamen
gamma-Isomers recht teuer / kompliziert ist, wird meist darauf verzichtet.
Allethrin, Resmethrin und Fenvalerat sind Beispiele für Isomerengemische aus der Gruppe der Pyrethroide.
Bioallethrin, Bioresmethrin und Esfenvalerat sind einzelne Isomere des jeweiligen Gemischs.
In der Natur gibt es Enzyme anstelle von Reagenzgläsern, und die stellen einfach nur das Isomer her, das auch
gebraucht wird.
Anders als bei einem verdorbenen Essen, das man eben verwirft (vgl. S. 70f), kann ein Fehler mit
Gift katastrophale Folgen haben, die nicht reparabel sind. Gott sei Dank haben die meisten Fehler
weniger dramatische Wirkungen und viele Schädlingsbekämpfer offenbar einen guten Schutzengel.
Wer mit Giften zu tun hat, sollte sich dennoch vor jedem Gifteinsatz neu überlegen, ob das wirklich
sein muß. Fast alle Schädlingsprobleme lassen sich auch mit anderen Mitteln lösen.
Selbst wenn wir noch so aufpassen, wird es immer wieder vorkommen, daß Organismen
Lebensräume entdecken, die Menschen ihnen, ohne es zu ahnen, erschließen und bereithalten.
Dann vermehren sie sich lange und massenhaft, ohne aufzufallen. Wenn sie endlich entdeckt
werden, ist der Schaden schon groß. Obwohl es auch dann oft noch möglich ist, den Schaden mit
Hilfe von Fallen und Barrieren zu begrenzen, sind in solchen Situationen fast alle Menschen froh,
wenn sie auf Gifte zurückgreifen zu können.