Seite 376
Mücken / Anhang B-7
4
E. Scholl (1995)
Sobald sich die Larven in den Eiern entwickelt haben (Dauer der Embryonalentwicklung ca 8 Tage)
und die Eiablagegebiete bei steigendem Wasserstand während der Sommermonate überschwemmt
werden, können die Larven ausschlüpfen.
Allerdings sind eine Reihe von Umwelteinflüssen notwendig, um einen Schlüpfreiz auszulösen.
Man kann bei
Aedes
-Eiern bezüglich der Schlüpffähigkeit Phasen unterscheiden, während denen
die Eier schlüpffähig sind und solche, in denen sie generell nicht schlüpffähig sind:
- Im Oberrheingebiet sind die Eier von
Aedes vexans
in der Regel in den Monaten September bis April nicht
schlüpffähig. Während dieser winterlichen Ruhepause treten deshalb nach Überschwemmungen keine oder nur
vereinzelt Larven in den Gewässern auf.
- Die winterliche Kälte und der anschließende Temperaturanstieg im Frühjahr beendet diese Ruhephase, so daß die
Larven von Mitte April bis Ende August schlüpffähig sind und meist massenhaft nach einem Hochwasser in den
Überschwemmungstümpeln vorkommen.
- Der wichtigste Schlüpfreiz, ohne den es kein Schlüpfen gibt, ist die Überflutung der Eier mit Wasser und der
damit verbundene Wechsel des Mediums (Luft/Wasser).
- Einen großen Einfluß auf das Schlüpfen hat die Wassertemperatur zum Zeitpunkt der Flutung. Die Larven von
Aedes vexans
schlüpfen erst dann in großer Zahl, wenn die Wassertemperatur
mindestens 12°C
beträgt. Deshalb
treten Mückenplagen im Oberrheingebiet besonders in heißen hochwasserreichen Sommermonaten auf.
- Weiterhin erhöht der zurückgehende Sauerstoffgehalt des Überflutungswassers in den Restgewässern die
Schlüpfrate bei
Aedes vexans
. Bei Hochwasser besitzt das meist strömende Wasser einen hohen
Sauerstoffgehalt, während der Sauerstoffgehalt bei zurückgehendem Wasserstand in den nunmehr stehenden
Restgewässern schnell abnimmt. Der abnehmende Sauerstoffgehalt signalisiert den Larven in den Eiern, daß es
sich nun um stehendes Wasser handelt, und daß das Schlüpfen ohne die Gefahr des Verdriftens erfolgen kann.
Außerdem treten Fische als gefährlichste Freßfeinde der Stechmückenbrut in den seichten Restgewässern meist
nicht mehr auf. Die verringerte Sauerstoffversorgung der Larve im Ei bewirkt letztendlich, daß ein "Schlüpfzahn"
an ihrem Kopf durch die Kontraktion eines Muskels in der Kopfkapsel der Larve die Eihülle zum Platzen bringt.
- Umwelteinflüsse, wie z.B. abwechselndes Trockenfallen und Überfluten, wechselnde Luftfeuchtigkeit und
Temperaturschwankungen im Eiablagegebiet sowie das Alter der Embryonen in den Eiern beeinflussen weiterhin
die Schlüpfbereitschaft.
- Selbst in der Phase der Schlüpffähigkeit reagieren nicht alle Eier einer
Aedes
-Art gleich auf geeignete
Schlüpfreize. Vielmehr entscheidet die "Vorgeschichte des einzelnen Eies, welcher Qualität ein Schlüpfreiz sein
muß, damit ein Schlüpfen erfolgt. Das bedeutet, daß nach einer Überflutung nur ein gewisser Teil der Larven aus
den Eiern schlüpft, während ein anderer Teil trotz guter Schlüpfbedingungen im Ei verbleibt. Es erfolgt also ein
Schlüpfen auf "Raten", wodurch gewährleistet wird, daß bei einem Schlüpfvorgang nicht alle Larven aus den
Eiern schlüpfen und daß auch nach einem vorzeitigen Trockenfallen eines Gewässers noch genügend Eier
vorhanden sind, die bei einem der nächsten Hochwasser schlüpffähig sind.
Sobald der Schlüpfreiz einmal ausgelöst ist, gibt es kein Zurück mehr. Die Larve muß dann aus der
schützenden Eihülle heraus und ihre Entwicklung vollenden.
Die Entwicklung vom Ei bis zum Fluginsekt verläuft sodann - ebenso wie bei allen anderen
Stechmückenarten - über vier Larven- und ein Puppenstadium. Dabei sind sowohl die Larven als
auch die Puppen auf Luftatmung angewiesen; sie nehmen mit Hilfe ihres Atemrohres
atmosphärische Luft an der Wasseroberfläche auf. Die Entwicklung vom Schlüpfen aus dem Ei bis
zum Fluginsekt ist temperaturabhängig und dauert in der Regel bei hochsommerlichen
Temperaturen nur etwas mehr als eine Woche. Diese kurze Entwicklungszeit begünstigt die
Entwicklung in den temporären - nur zeitweise wasser führenden Überschwemmungsgewässern.
Die frisch aus den Puppen geschlüpften Weibchen bleiben nur für kurze Zeit in der Nähe ihrer
Brutgewässer, wo sie erst mal Hochzeit feiern.
Dazu bilden die Männchen, die schon vor den Weibchen geschlüpft sind, sogenannte "Tanzschwärme", in denen sich
einzelne bis mehrere tausend Mückenmännchen sammeln und sich in der Luft meist in ca. 2 m Höhe auf- und
abbewegen ("Geigen" der Mücken). Dieser Vorgang findet meist bei hoher Luftfeuchtigkeit während der
Abenddämmerung oder in stark beschatteten Waldgebieten bereits in den Nachmittagsstunden statt. Häufig können
Tanzschwärme an mit Brennesseln bestandenen Wegrändern oder entlang von Dämmen in den Abendstunden
beobachtet werden.