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Ratten / Anhang B-8
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E. Scholl (1995)
Futterplätze), häufig vom Mensch verursacht, führt zu Versorgungs-Inseln, die eine Metapopulation
von bestimmter Größe ermöglicht. Allein davon hängt die Anzahl der Ratten-Rudel ab, und davon
die Anzahl der Einwanderer in den menschlichen Nahbereich.
Die Strukturierung der Umgebung ist weitestgehend vom Mensch bestimmt: Produktion, Auf- und
Zubereitung incl. Reste-Entsorgung von Futter- und Nahrungsmitteln
(nach B
UCKLE
&
S
MITH
(1994), p.110)
7.1. Ernährung:
Auf der Suche nach geeigneter Nahrung orientieren sich die Jungtiere am Mundgeruch erfahrener
Artgenossen.
Prinzipiell fressen Ratten genau dasselbe wie Menschen; außerdem viele andere Dinge. Im
Überfluß werden sie äußerst wählerisch und fressen grundsätzlich das Beste, Hochwertigste zuerst.
Bei Nahrungsmangel nehmen sie auch beschmutzte, angeschimmelte, faulige Nahrung; zur Not
auch Urin, Jauche, Kot. In der Kanalisation ernähren sie sich wohl von menschlichem Kot
(W
EILAND
gefilmt, 1994, mündliche Mitteilung).
B
ECKER
(1950, N410) untersuchte 4000 Rattenmägen und fand darin 39% Ceralien verschiedenster Art, 34% frische
Pflanzenteile, 10% eiweißreiche Nährstoffe (Fisch, Fleisch); 11% der Mägen enthielten eine Mischkost, 6% waren
leer. Jungratten, die gerade selbständig werden, hatten entweder nur geronnene Milch oder zusätzlich frische
Pflanzenteile oder Getreide im Magen.
Unter den Rattensippen gibt es große Unterschiede bezüglich der Lieblingsnahrung. Es ist unmöglich, vorherzusagen,
welche Art von Nahrung eine bestimmte Ratte oder ein Rattenrudel bevorzugen wird. Geschmack, Geruch,
Alternativen, Appetit und Gewöhnung bestimmen mit über Annahme oder Ablehnung einer Nahrung. Dazu kommt die
sogenannte erworbene Ernährungsvorliebe (- acquired food preference behavior) mit gegenseitiger Beeinflussung über
den Geruch des Atems nach dem was ein Artgenosse gerade gefressen hat. Das letztere gilt auch bei betäubten Ratten,
aber nicht bei toten! (J
OHNSON
1988).
Bei Eiweißmangel werden die Ratten im Notfall kannibalisch. Sie töten kränkliche Artgenossen
oder Jungtiere und fressen sie aus.
Der tägliche Nahrungsbedarf liegt bei etwa 10% des Körpergewichtes, also ca 30 g täglich für eine
ausgewachsene Ratte. Junge Ratten fressen mehr als alte. Besonders die älteren Tiere können auch
mühelos einige Zeit hungern. Wenn eine neue Nahrung angeboten wird oder irgendetwas im
Revier verändert wird, kann es bis zu 7-10 Tage dauern, bevor sie wieder irgendeine Nahrung zu
sich nehmen. Wenn sie Vorräte im Nest haben, ernähren sie sich inzwischen davon.
Ratten müssen aber täglich trinken, und zwar 17-35 ml Wasser pro Tag.
Ratten nehmen längere Wege in Kauf, um vom Wohnort zu ihrer Nahrung zu gelangen. Wenn sie
etwas zu Fressen finden, fressen sie sich gerne an einem Stück satt und verschwinden dann wieder.
Eine Ratte kann schon mal einen Apfel in einer Mahlzeit verzehren. Bei Störungen verschleppen
sie Teile, sofern diese die richtige Größe haben (weder zu klein noch zu groß).
Sie neigen dazu, Vorräte anzulegen, allerdings weniger stark als beispielsweise Eichhörnchen und
auch sehr unterschiedlich intensiv. Die Tendenz zur Vorratshaltung nimmt mit dem Alter und unter
Streß zu. Oft werden die Vorräte nicht weiter beachtet, solange noch alternative Nahrung zu finden
ist. Dann verfaulen sie im Nest.