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Integrierte Schädlingsbekämpfung
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Anhang B-8 / Ratten
Anpassungs- und Lernfähigkeit kommt den Ratten in menschlicher Nähe verstärkt zugute: mehrere
Familien, die außerhalb des Gebäudes ihr Nistterritorium verteidigen, können eine ergiebige
Nahrungsquelle im Gebäude friedlich gemeinsam nutzen.
7.2. Vermehrung
Im Freiland vermehren sich die Ratten konzentriert im Frühjahr und Herbst, bei optimalen
Bedingungen u.U. das ganze Jahr über. Auch Kanalratten vermehren sich jahreszeitunabhängig.
Die Paarungsbereitschaft geht vom Weibchen aus. Das geschlechtsreife Rattenweibchen produziert
Sexualhormone, deren Duft das Männchen riecht. Die Brunst des Weibchens dauert 6 Stunden. Im
Rattenrudel wird es in diesem Zeitraum 200 bis 500 mal von verschiedenen Männchen gedeckt.
Die einzelne Paarung dauert nur wenige Sekunden.
Die Nester sind meist angelegte Erdbauten mit einem Haupt- und mehreren Nebeneingängen. Sie
sind in gewachsenem Boden nicht tiefer als 35cm. Es gibt ein Wohnnest, das mit Gras, Blättern,
Papier ausgepolstert wird, dazu Vorratslager-"räume". Jungtiere graben weiter. Ihre Gänge sind
enger und enden meist blind. Auf die Dauer wächst so ein komplexes Gangsystem. Zementierte
oder geplattete Wege können regelrecht unterhöhlt werden.
Steininger (1949, N415) unterscheidet noch selbständige Vorratsbaue, die sich in der Nähe ergiebiger Futterquellen
finden und nur dem vorübergehenden Stapeln von Nahrung dienen, ferner Deckungslöcher, die der Nahrungsquelle
noch näher sind und nur bei Gefahr aufgesucht werden.
In Gebäuden nehmen die Wanderratten mit jeglichem Schlupfwinkel vorlieb, z.B. zwischen
gestapelten Waren, in den Hohlräumen von Doppelwänden, unter Fußbodendielen, in Strohhaufen.
Rattenvorkommen im Kanal sind relativ unproblematisch, solange das System in Ordnung ist. Das
ist aber nie der Fall. Sie nisten nicht in Flüssigkeit führenden Rohren, sondern suchen sich trockene
Seitenkanäle. Wo das nicht möglich ist, suchen sie kleine Öffnungen im Rohr, die sie mit ihren
Nagezähnen erweitern, und legen ihre Nester im dahinterliegenden Erdreich an. Bei undichten
Stellen in der Nähe der Häuser geschieht es häufig, daß sie sich unter dem Fußboden etablieren und
dabei unter anderem die Isolierung zerstören.
Streunende Ratten aus dem Kanal können auch in Parks und Garten eindringen. Von dort aus
finden sie öfters den Weg in die Häuser.
Im ländlichen Raum ist das Leben für die Ratten noch einfacher, da sie in die meisten Ställe und
Scheunen leicht hineinkommen. Nahrung und Unterschlupf gibt es dort reichlich.
Ratten haben eine Tragzeit von 22 (25) Tagen und ca 8-12 Junge pro Wurf, um die sich das
Weibchen allein kümmert. Die Männchen töten die Jungen gelegentlich.
2-3 Tage nach der Geburt sind die Weibchen erneut paarungsbereit. Sie haben 4-7 Würfe pro Jahr
und dabei anfangs meist weniger Junge als bei späteren Würfen.
M
EEHAN
(1984) schätzt den Nachwuchs eines Rattenweibchens im Durchschnitt auf 18-55 Junge pro Jahr.