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1. Bestandsaufnahme
Integrierte Schädlingsbekämpfung
Insekten sofort auf den Rücken fallen läßt, wenn man sie mit der Dose direkt aus nächster Nähe
ansprüht: eine Art `Instant-Kill´. Dementsprechend wird produziert. In der Regel enthalten die
Sprühdosen ein sogenanntes Austreibemittel, einen K.O.-Wirkstoff, ein dauerwirksames Gift und
ein organisches Lösungsmittel. Was Tiere so schnell umfallen läßt, ist in der Regel das
Lösungsmittel; der Rest wäre eigentlich nicht nötig. Der Instant-Kill ist befriedigend für den
Verbraucher, aber zur Beseitigung einer etablierten Schädlingsbevölkerung natürlich völlig
ungeeignet (R
UST
& al. 1995, S. 293).
Solange diese Erwartungshaltung bestehen bleibt, haben Hersteller und Schädlingsbekämpfung
kaum Gelegenheiten, sich zu verbessern.
Falls Umweltliebe und Toleranz nicht bereits an der eigenen Haustür aufhören, dann aber spätestens
am Geldbeutel. Schädlingsbekämpfung muß billig sein. Davon profitieren allein die
Verdrängungshelfer unter den Schädlingsbekämpfern. Qualifizierte Problemlösung kann und darf
damit nicht konkurrieren - sie wird dadurch vom Markt verdrängt.
In großen Betrieben mit langen Organisationsketten besteht das zusätzliche Problem, daß die
Instanz, die über die Auftragsvergabe entscheidet, in den wenigsten Fällen etwas von der Sache
versteht (woher auch?), oder das Problem kennt. Oftmals ist es eine andere als die, die Hilfe
gerufen hat. Verträge werden vor der Unterzeichnung kaum je von Entomologen begutachtet. Das
führt automatisch dazu, daß der billigste Bieter ohne Beurteilung der Qualifikation oder
differenzierte Aufgabenbeschreibung den Zuschlag erhält.
Das materialistisches Weltbild vieler Zeitgenossen bedingt den häufigen Trugschluß, mehr Mittel
und Material löse auch mehr Probleme. Der erstrebten Umsatzmaximierung der Industrie kommt
diese Grundeinstellung sehr entgegen. Die ganzheitliche Schädlingsabwehr strebt dagegen eine
Minimierung der Mittel und Materialien an und hat allein deshalb einen schweren Stand gegen den
vorherrschenden Trend.
Da Schädlingsbefall in Deutschland generell als Schande gilt - eine internationale Ausnahme, kann
der Verbraucher sich nicht mit dem etwas teureren "gewissen Etwas" guter Schädlingsbekämpfung
schmücken. In anderen Ländern ist das durchaus möglich. Es gibt sogar internationale Firmen, die
nur in Deutschland auf bunte Bemalung ihrer Autos zugunsten neutraler Unifärbung verzichten.
Qualifizierte Facharbeit kann so nicht angemessen bezahlt werden und bleibt auf der Strecke.
1.2.1.1. Integrierte Schädlingsbekämpfung und Tierschutz
Schädlingsprobleme sind oft Anzeiger für Fehler, die die Betroffenen gemacht haben. Fehler sind
Teil des Lebens und kommen vor. Meist gibt es mehrere Möglichkeiten, sie wieder gut zu machen.
Die Tierquälerei in der Schädlingsbekämpfung liegt in der Wiederholung von Fehlern der
Betroffenen.
Das wahre Problem ist das - meist unbewußte - Anlocken von Tieren in die Umgebung des
Menschen durch den Menschen: die Öffnung und Bereitstellung von ökologischen Nischen
(Lebensraum mit Nahrung, Wasser und Schutz vor Feinden) durch Fehler, Mangel an
Aufmerksamkeit, Unwissenheit der Geschädigten, verbunden mit den gnadenlos erfolgreichen
Überlebenstrategien bestimmter, exakt an den menschlichen Lebensraum angepaßter Tierarten.