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Ratten / Anhang B-8
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E. Scholl (1995)
Weiterhin ist der Tastsinn bei den Ratten hochentwickelt. Die Schnauzhaare, die ständigen Kontakt
suchen - am liebsten ringsherum - sagen den Ratten gewissermaßen, wo es lang geht. Deshalb
tasten sie sich nach Möglichkeit immer an oder unter etwas entlang. Außerdem tasten sämtliche
Körperhaare mit.
Ratten haben außerdem einen sogenannten Muskelsinn (= Kinaesthesie), d.h. die Fähigkeit,
sämtliche Teile einer Umgebung nur durch Körperkontakt zu erfassen. Dies ist ein sehr
ungewöhnlicher Sinn, eine Art unterbewußte Erinnerung für Reihenfolgen von Muskelbewegungen.
Das kann soweit gehen, daß sie sich dermaßen an bestimmte Wege gewöhnen, daß sie um
Hindernisse, die beseitigt werden, weiter einen Bogen machen. Umgekehrt kann es leicht
geschehen, daß sie in Hindernisse, die ihnen in ausgetretene Wege gelegt werden, regelrecht
hineinstolpern (M
EEHAN
1984, p.56).
Das Sehen ist bei den Ratten weniger gut entwickelt, obwohl die Augen für nächtliches Sehen
ausgebildet sind (, d.h. sehr lichtempfindlich bei geringer Sehschärfe).
Obwohl Nagetiere ihre Augen offensichtlich benutzen, sind doch blinde Tiere nicht erkennbar benachteiligt (M
EEHAN
1984).
Es gilt als ziemlich sicher, daß Ratten farbenblind sind. Die seitliche Anbringung der Augen
ermöglicht ihnen eine Rundum-Sicht, aber kein räumliches Sehen.
7. Entwicklung, Ernährung, Lebensweise
Ratten kommen als nackte, blinde Nesthocker zur Welt, die von der Mutter gesäugt werden.
Innerhalb von drei bis vier Wochen werden sie selbständig und im Alter von (3)4-5(6) Monaten
geschlechtsreif, obwohl sie erst mit 1½ - 2 Jahren ausgewachsen sind. Meistens werden sie nur ein
Jahr alt; in Gefangenschaft können sie wesentlich länger leben (s.u.). Sie können bis 18-28 cm
lang werden und wiegen 200-500 g. Der Schwanz ist 13-23 cm lang, bei Wanderratten immer
kürzer als der Körper.
Zum Vergleich: Hauskatzen sind etwa 50 cm lang mit 28 cm langem Schwanz und wiegen 2.500 bis 5.000 g. Ratten
sind also allerhöchstens halb so groß wie normale Hauskatzen und sehr viel leichter als diese.
Bis zu 80% ihrer aktiven Phase verbringen die Tiere mit der Erkundung ihres Reviers - mit einer
gesunden Mischung aus Neugier und Mißtrauen. Alles wird genau beschnuppert, wobei sie
sämtliche Veränderungen genau registrieren. Außerdem brauchen sie bis zu 20% ihrer Zeit für die
Körperpflege, die sie ähnlich intensiv betreiben wie Katzen. Sie putzen sich auch gegenseitig und
tauschen Zärtlichkeiten aus. Außerdem nutzen sie ihre Zeit zur Paarung (s.u.), zum Abschleifen der
Zähne und natürlich zur Nahrungsbeschaffung.
Bei Streß ändert sich diese Zeiteinteilung natürlich. Wo zum Beispiel die Nahrungsbeschaffung erschwert ist, bleibt für
die übrigen Tätigkeiten entsprechend weniger Spielraum.
Ratten sind intelligente Tiere. Sie können assoziieren und sich erinnern, sind lernfähig und
unglaublich anpassungsfähig. Die Jungen lernen von der Mutter. Ältere Ratten entwickeln oft
Gewohnheiten und werden sehr konservativ. Sie bleiben auf ihren gewohnten Wegen und fressen
immer dasselbe, wenn sie sich an eine Nahrung gewöhnt haben.
Ratten sind mindestens so intelligent wie beispielsweise verwilderte Haustauben, nur allgemein weniger beliebt.