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Integrierte Schädlingsbekämpfung
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Anhang B-8 / Ratten
Entgegen ihrem Namen sind Wanderratten recht ortstreu. Sie leben in Rudeln mit festem Revier,
das sie gegenüber anderen Rudeln heftig verteidigen. Fremde Einzelgänger werden verjagt,
aufgenommen - oder, nach Vorwarnung, getötet und gefressen (, wenn sie als entkommene
Laborratten z.B. den Demutsschrei nicht gelernt haben). Die Reviergröße ist - je nach Nahrungs-
und Wohnungsangebot 12-15 m um den Nistplatz; Entfernungen von mehr als 30 m sind selten
(D
AVIS
1948).
K
EMPER
(1950) beobachtete in von Bäumen und Buschwerk bestandenem Gelände eine Ratte, die sich 55-70 m von
ihrem Unterschlupf entfernte. P
ETERS
(1950) rechnet im städtischen Bereich mit Entfernungen von maximal 100 m.
Der Aktionsraum ist also recht begrenzt und abhängig von der Verteilung von Unterschlupf,
Nahrung und Bewegungsschranken. Bei Futtermangel wandern die Tiere ab und suchen in der
Nähe einer neuen Futterquelle einen neuen Unterschlupf zu finden. Saisonabhängige Wanderungen
im Frühjahr an Feldränder und im Herbst von dort in nahegelegene Häuser oder Bauernhöfe sind
eine bekannte Erscheinung.
Innerhalb des Rudels gibt es eine strenge Rangordnung. Die Alten haben die besten Plätze,
während die Heranwachsenden erstmal sehen müssen, wo sie bleiben. Es gibt verschiedene
Aufgaben, wie "Wache schieben" und "Vorkoster". Die hochdifferenzierte Kommunikation im
Ultraschallbereich ist bisher nur teilweise verstanden (s.o.). Wenn einem Jungtier von einer
Nahrung schlecht geworden ist, fressen alle anderen nichts mehr davon. Jüngere Tiere, die in den
Randbezirken es Rattenbaues leben, haben vor allem die Aufgabe, den Clan bei Gefahr zu warnen.
Die ranghöchsten Männchen entscheiden über Angriff oder Flucht. Die Weibchen betreiben den
Nestbau und die Aufzucht der Jungtiere gemeinschaftlich. Hochträchtige Weibchen bleiben in
Nestnähe (B
ECKER
1954). Rangordnungen und Reviere verlieren sich aber allmählich bei hoher
Populationsdichte.
Verhaltensweisen wie Neugier, Neophobiegrad (= Mißtrauen) variieren unter den Altersgruppen
und von einem Individuum zum nächsten, Nahrungsvorlieben auch von einem Rudel zum nächsten.
Populationsdynamik:
Einwanderung, Auswanderung, Geburten und Tode bestimmen die
Bevölkerungsgröße.
Die moderne Ökologie hebt die große Bedeutung der räumlichen Heterogenität für die Populationsdynamik hervor
(S
HORROCKS
&
S
WINGLAND
, 1990).
Wenn Tiere verteilt sind auf inselartige Flecken der Umgebung, innerhalb derer die Ressourcen
begrenzt sind, zwischen denen aber eine gewisse Wanderung stattfindet, dann kann ein lockerer
Austausch von Tieren zwischen den Inseln ausreichen, um eine stabile Bevölkerung unter einer
weiten Varianz von Bedingungen zu ermöglichen.
Die Ansammlung örtlicher Populationen in Inseln, die durch Wanderung miteinander verbunden
sind, werden Metapopulationen genannt. Die Aktivitäten der Menschen führen oft zu fleckenhaft
verteilten Resourcen, die von Nagetier-Metapopulationen verwertet werden können (z.B. ein
Mosaik von landwirtschaftlichen Produkten). Die Flecken variieren in der Resourcenqualität
sowohl zeitlich als auch räumlich, was den Unterhalt einer hohen Metapopulation zur Folge haben
kann.
Nicht alle von Nagern besetzten Flecken mögen den Menschen interessant erscheinen, sei es, daß
dort keine Landwirtschaft betrieben wird, oder, daß sie dem Nachbarn gehören. Deren Bedeutung
für die Populationsdynamik und damit für den Schaden durch Nagetiere darf jedoch nicht außer
Acht gelassen werden. Strukturierung der Umgebung (Nistplätze, Versteckmöglichkeiten,